Die Autorin Birgid Erwin gibt spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres neuen Romans „Sole e Mare“

Was war die Inspiration für „Sole e Mare“?
Inspiration ist ein schönes Wort, doch leider ist man als Autor nicht immer so frei in der Wahl seiner Themen, wie man es gerne wäre. Erst einmal muss man überlegen, was dem Publikum gefallen könnte, welche Genres derzeit auf dem Markt interessant sind und für was für eine Leserschaft man schreibt. Wenn diese Aspekte mit dem Verlag geklärt sind, dann hat man zum Glück immer noch genug Freiraum, seine Gedanken schweifen zu lassen und eigene Ideen zu verwirklichen. „Sole e Mare“ sollte Krimielemente enthalten, aber auch eine Familiengeschichte erzählen. Bei dem Schauplatz habe ich mich von einem Land inspirieren lassen, das auf mich persönlich eine große Faszination ausübt und über das ich noch nicht geschrieben habe. Griechenland, mein liebstes Urlaubsziel, wurde schon in „In Vino Veritas“ verewigt, und nun war Italien an der Reihe.

Mussten Sie viel recherchieren und waren Sie schon einmal in Sizilien?

In Sizilien war ich leider noch nicht, mich zieht es immer wieder nach Rom, auch Florenz und Venedig habe ich schon besucht. Daher war auch viel Recherche nötig. Zum Teil habe ich dafür das Internet genutzt, aber wichtiger waren die Berichte von Menschen, die Sizilien gut kennen und dort auch gelebt haben. Das heißt natürlich nicht, dass nicht vieles eine sicher romantisierte Fiktion ist, die mehr mit Mafia-Klischees zu tun hat als mit der Wirklichkeit. Einiges ist aber direkten Erzählungen entnommen und hat einen wahren Kern. In erster Linie ging es mir aber auch nicht um die realistische Darstellung einer Verbrecherorganisation, sondern um einen Roman, der Urlaubsstimmung und eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt.

Was ist Ihnen beim Schreiben von „Sole e Mare“ am schwersten gefallen, was hat Ihnen besonders Spaß gemacht?
Für mich bedeutet Bücher zu schreiben, Charaktere zu entwickeln. Ich empfinde es immer wieder als schwer, mich an Vorgaben zu halten, die zum Beispiel durch Personalisierungen nötig werden. Dadurch kann ich manche Dinge nicht so genau beschreiben, wie ich es gerne möchte. Gerade bei den Nebenfiguren muss ich mir oft selbst Beschränkungen auferlegen, weil ich in erster Linie nicht die Geschichte, sondern die Leser im Blick behalten muss. Das ist nicht einfach, es ist aber auch spannend, einen Kompromiss zu finden.

Wie entwickeln Sie Ihre Gestalten?
Ganz eindeutig haben die Figuren ein Eigenleben. Deswegen gelingt es mir auch nie, mich vollständig an ein Exposé zu halten. Wenn die Figuren auf einmal eigenständig handeln, dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Oft passen Handlungsstränge oder Reaktionen, die ich fest eingeplant hatte, nicht mehr in den Verlauf einer Szene. Es kann sogar so weit gehen, dass eine Figur sich einfach weigert, eine bestimmte Rolle zu spielen, die ich ihr zugedacht hatte. Das merke ich in der Regel daran, dass der Schreibfluss unterbrochen wird und ich keinen Zugang mehr finde. So weh es tut, manchmal muss ich dann ein ganzes Kapitel löschen und meinen Figuren ihren Willen lassen.

Wie viel von sich selbst, bzw. ihren Mitmenschen findet sich in den Personen wieder?
Ich bin sicher, dass mich Menschen, die mich sehr gut kennen, in den Figuren wiedererkennen, wobei das – auch laut Aussage meiner Freunde – mit der Zeit weniger deutlich spürbar geworden ist. Auch Menschen aus meiner Umgebung beschreibe ich nicht direkt, jedenfalls nicht bewusst. Es kann zwar vorkommen, dass ich mir überlege, wie sich zum Beispiel ein vierzehnjähriges Mädchen in einer bestimmten Situation verhalten würde. Dann frage ich mich, wen ich kenne, der diese Kriterien erfüllt, aber ich sehe selten einen ganz bestimmten Menschen vor mir. Es ist eher so, dass ich die Verhaltensweise auswähle, die ich gerade für meinen Roman nutzen kann. Wenn es um männliche Figuren geht, habe ich auch den Rat meines Mannes schätzen gelernt. Es kann schon einmal vorkommen, dass wir eine Szene nachspielen damit ich begreife, wie ein Mann reagiert und was ihn ganz konkret von einer Frau unterscheidet. Oft sind es nur einzelne Gesten oder Gesichtausdrücke, aber sie machen einen immensen Unterschied.

Wie sah ihr Schreiballtag aus?
In der Regel schreibe ich am Wochenende, weil ich während der Woche wenig Zeit habe, zumindest in hektischen Phasen des Alltags. Dann setze ich mich mit meinem Laptop auf das Sofa und versuche, mich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. Ein Glas Wein oder eine Barcadi-Cola können da durchaus helfen. Musik schalte ich zwar oft an, aber wenn ich wirklich in die Geschichte eingetaucht bin, dann höre ich sie nicht mehr In Phasen, in denen ich absolut keine Zeit zum Schreiben habe, entwickle ich Handlungsstränge bei der Hausarbeit weiter oder während ich im Auto sitze. So bleiben die Figuren in meiner Nähe, und es gibt immer etwas, das ich später verwerten kann. Etwas anders sieht es aus, wenn ich Projekte zusammen mit meinem Mann verwirkliche. Dann verbinden wir auch gern das Angenehme mit dem Nützlichen und besprechen die weitere Planung des Romans während eines Essens im Biergarten. Alles in allem hat Schreiben neben aller Arbeit und Disziplin, die nötig sind wenn man es professionell angeht, auch mit Genuss zu tun. In meinem Leben ist es ein wichtiger Ausgleich zum Beruf.

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